Vier Tage nach dem Schlaganfall beginnt man nach den Ursachen zu forschen. Der Arzt, der mir im Flur die Diagnose sagte, holt mich ab. Ein paar Zimmer weiter – zum ersten Mal nach Tagen verlasse ich die Station – bekomme ich winzig kleine Luftbläschen in die Armvene gespritzt und ein Ultraschallgerät an die Schläfe gehalten. Wenn es blubbert, sagt der Arzt, haben Sie einen Herzfehler.

Bei den allermeisten Menschen gelangen die Luftbläschen in die Lunge und werden dort abgebaut. Der Arzt sagt, vor der Geburt, also noch im Mutterleib, gibt es im Herzen aber dieses Loch, das sich nach der Geburt schließt – bei 30 Prozent der Menschen schließt es sich nicht. Auf diesem Weg können Blutgerinnsel, die normalerweise einfach in der Lunge verschwänden, ins Gehirn gelangen.  Er schaut sich im Raum um: „Wir sind hier zu viert, also einer von uns hat’s wahrscheinlich.“

Andächtig lauschen wir. Eine Arzthelferin feuert die Bläschen in der Spritze ab. Sekunden später macht das Ultraschallgerät Geräusche, als stünde man neben einer Autobahn. Der Arzt sagt:  „Und sie sind diese Person.“

Dass mein Bein schmerzt, merke ich erst später – die Krankhausflure konnten ihm nichts anhaben. Erst als sich die Strecken in der echten Welt wieder verdoppeln, verdreifachen, verzehnfachen, spüre ich es: Die Taubheit bei Kälte, das Erlahmen des Fußes, das stechende Gelenk. Bei einem ersten Treffen einige Wochen später bittet mich die Physiotherapeutin, auf einem Trampolin zu springen. Meine Sohlen kleben am Boden, keinen Zentimeter komme ich in die Höhe. Ich lache darüber. Wie jemand, der einen Witz nicht verstanden hat.

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In Filmen werden Diagnosen „mitgeteilt“ und schlechte Nachrichten „überbracht“. Mir wird das Wort vor die Füße geschleudert: Schlaganfall. Alleine in einem Flur, in dem es nach Urin stinkt und zahnlose Rufe aus halbangelehnten Zimmern dringen. Schlag-Anfall. Ich meide das Wort noch heute: Es klingt wie ein Amboss, der mit voller Wucht auf den Kopf kracht. Im Flur der Stroke Unit – auf dem einzigen Stuhl, verdammt zu warten, bis jemand mir Erklärungen gibt – habe ich Angst, wie nie zuvor. Mein Leben ist in Gefahr.

Überall sind alte Menschen. Nachts rufen die Omas auf der Station nach ihren Mamas. Tagsüber sprechen mich Pfleger mit lauter Stimme an, aus reiner Gewohnheit. Auf dem Flur finde ich ein Magazin für „Junge Schlaganfall-Betroffene“. Unter vierzig ist da niemand. Trotzdem bin ich fröhlich, geradezu euphorisch, in den Tagen nach der Diagnose: Glück gehabt, ich bin noch da.

Freitag morgen, gerade aufgestanden. Etwas knallt in meinem Kopf, als würde man zwei Drähte aneinander halten. Funken sprühen. Dann rieselt es an mir herab. Ich bin meinem Körper seltsam entrückt, für einen Bruchteil einer Sekunde schaue ich mich von außen an. An mir hängt ein Arm, der nicht mehr zu mir gehört. Daran eine Hand, an der alle Versuche, sie zu bewegen, abprallen.

Wahrscheinlich ein Nerv, einer dieser üblen, die einen lahm legen, denke ich. Mein Arzt streicht mir über das Gesicht, den Arm, das Bein, er lässt mich Übungen mit geschlossenen Augen machen. Dann fahre ich mit dem Taxi in die Notaufnahme. „Es ist nur zur Sicherheit“, sagt mein Arzt und lächelt freundlich, während er mir das Leben rettet. Auf dem Weg zum Krankenhaus rufe ich eine Freundin an: „Nur für den Fall, dass ich heute Nachmittag nicht nach Hause komme. Kannst du sie vom Kindergarten abholen?“

Ich warte in vielen Fluren. Mein Arm liegt in meinem Schoß wie ein schlafendes Baby. Ich wickle ihn in einen Schal, um ihn zu wärmen. Im Keller des Krankenhauses schiebt man mich in eine Röhre, pochend und schnaubend ruckelt sie sich durch mein Gehirn. Als ich wieder hervor krieche, schaut der Arzt nervös an mir vorbei: Hoch soll ich gehen, in die Stroke Unit. Erst dort, alleine auf dem Flur, während ich auf das Ergebnis der letzten Untersuchung warte, beginne ich zu verstehen.